Der dreizehnte Sommer

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Der dreizehnte Sommer

Beitragvon Jürgen » 9. Mär 2012, 15:58

Der dreizehnte Sommer

Es war der dreizehnte Sommer, in dem sie von uns ging. Sie war unheilbar krank geworden und konnte nur noch erlöst werden. Die Trauer um unser kleines Cokerspaniel-Mädchen war groß und es tat uns allen sehr weh, sie nicht mehr bei uns zu haben. Die vielen Jahre hatte sie uns begleitet, saß leidenschaftlich gern im Fußraum unseres alten VW-Käfers, mit dem wir an den Wochenenden immer an die Weser fuhren, wo wir zusammen mit unseren Eltern einen Campingplatz hatten, den wir stets an den Wochenenden nutzten, um etwas Abstand zum normalen Arbeitsalltag zu bekommen. Biggi, so hieß unser Coker, hatte in den Jahren nicht nur Besitz von einem Teil unseres Autos genommen, sondern auch von meinem Kopfkissen, von unserer Couch und von vielen anderen Dingen bis hin zu unserem Leben, denn sie war ein Mitglied unserer Familie geworden.

Es war noch immer der dreizehnte Sommer, ein warmer, sonniger Samstag, an dem ich morgens zeitig mit meiner Frau vom Campingplatz aus losfuhr, um einige Einkäufe zu tätigen. Im Fußraum unseres VW Käfers saß nun keine Biggi mehr, seit einigen Wochen schon nicht mehr.

Wie immer kamen wir auf der langgezogenen Landstraße an diesem Anwesen vorbei, leicht verwahrlost und scheinbar menschenleer, dennoch war es eine Art Tierheim, das allerding aufgelöst werden sollte, da die nötigen Mittel fehlten.

Wie immer mußten wir hier vor einer Fußgängerampel anhalten, obwohl weit und breit kein Fußgänger zu sehen war, doch der Ampel war dies scheinbar egal und bat uns mit ihrem bereits etwas fadem Rotlicht zum anhalten.

Wie immer hatten wir etwa drei Minuten Wartezeit, bis die Ampel bereit war, uns mit einem blassen Grün weiterfahren zu lassen. Da unser VW Käfer glücklicherweise kein Beschleunigungswunder war, schaffte ich es nach dem Überqueren der Ampel gerade noch, die soeben erreichten zehn Stundenkilometer auf null abzubremsen, um nicht irgendetwas zu überfahren, was gerade über die Straße huschte, aber mehr war von diesem Etwas auch nicht zu sehen. Der wortlose, aber sehr ernste Gesichtsausdruck meiner Frau teilte mir unmißverständlich mit, auszusteigen und nachzusehen.
Etwas angespannt und in der Hoffnung, nichts angefahren zu haben, stieg ich aus und ging um den Käfer, der immer noch im Standgas vor sich hin blubberte, doch bis auf den etwa zwei Meter großen, älteren und relativ gut gekeideten Herrn, der plötzlich neben der bereits von meiner Frau geöffneten Beifahrertür stand, war nichts zu sehen. Nun, das reichte eigentlich auch, denn ich sah an dem etwas blassem Gesicht meiner Frau, die nun auch aus dem Käfer geklettert war, das auch sie keine rechte Erklärung für das plötzliche Erscheinen des Mannes hatte. Der Herr nahm uns aber recht schnell die plötzlich entstandene Angst, indem er sich mit „Johann“ vorstellte und in demTierheim beschäftigt sei, an dem wir eben vorbei kamen.
Und während der Zweimeter-Johann mit seiner freundlichen Ausstrahlung noch etwas sagen konnte, erschien plötzlich das, was ich beinahe überfahren hätte. Etwas Schwarz-Weisses kam unter dem Fußbrett unseres Käfers hervor , etwas kleiner als die Riesenhand von Johann, und machte nun unaufhaltsam den Versuch, den Beifahrerinnenraum unseres Käfers zu erklimmen.
Die großen Hände von Johann, mit denen er das kleine Etwas nun behutsam aufnahm, waren mir gleich aufgefallen, und eine dieser Hände kamen jetzt meiner Frau bedrohlich nahe, denn er hielt ihr das kleine Etwas vor das immer noch recht farblose Gesicht.

Während meine Augen etwas feuchter wurden, klärten und erweiterten sich die meiner Frau spontan, als sie das entgegennahm, was ihr da hingehalten wurde. Ein winziges, schwarz-weisses Beagel-Mischlingsmädchen mit einem sichtbarem, etwas näckischem „Lächeln“ kuschelte sich dort gerade in die Arme meiner Frau, scheinbar wild entschlossen, diesen Platz vorerst nicht wieder zu verlassen.
Dies sei nun schon der dritte Versuch des kleinen Ausreißers gewesen, sich auf diese Art ein neues Zuhause zu suchen, erklärte uns Riesen-Johann, ebenfalls sichtlich gerührt über den kleinen Schmuser, der äußerst zufrieden in den Armen meiner Frau lag.

Nicht überraschend für mich kam auch gleich die Frage meiner Frau, ob wir die Kleine behalten dürften, was Johann, als wäre er darauf vorbereitet, sofort bejate. Seine Riesenhand holte auch spontan ein kleines Heft aus der Sackotasche, in dem er unsere Personalien notierte und überreichte uns noch einen Faltzettel mit seiner Erreichbarkeit. Dies sei so üblich, um später einmal nach dem Tier sehen zu können, sagte er uns und wünschte uns mit dem kleinen Kuschel alles Gute.
Der VW Käfer blubberte immer noch vor sich hin, scheinbar bereit, alle Einkaufsvorhaben sofort abzubrechen und zum Campingplatz zurückzukehren. Wir waren mit seinem Vorhaben einverstanden, wendeten und mußten natürlich wie immer die drei Minuten auf Blassgrün warten, um weiterfahren zu können. Der große Johann war inzwischen am Eingangsbereich des Anwesens angelangt, er drehte sich nicht um war aus unserer Ampelposition dann nicht mehr zu sehen.
Meine Frau hatte wieder eine Hand frei bekommen, um den Faltzettel zu sichten, den uns Johann gegeben hatte. Und während unser Käfer die blassgrüne-Phase nutzte, um Fahrt aufzunehmen, hielt mir meine Frau wortlos den Faltzettel hin. Von einer Erreichbarkeit, wie Johann sagte, stand hier nicht. Hier war nur ein sehr sauber geschriebenes Wort zu lesen: „BIGGI“
Ein neues Leben war wieder in unsere Familie eingezogen, ein kleines Beagel-Mädchen, das bereits nach kurzer Zeit den Beifahrerfußraum unseres VW Käfers sowie mein Kopfkissen, unsere Couch und einen Großteil unseres Lebens in Besitz nahm.

Und das sollte dreizehn Sommer dauern...


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