Der Schlangenbändiger

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Der Schlangenbändiger

Beitragvon Jürgen » 9. Mär 2012, 15:54

Der Schlangenbändiger

Fünfzehn Jahre war er nun bei uns, nach langer Reise und vielen Gesundheits-Untersuchungen, konnte er damals sein neues Zuhause beziehen, bei uns, in unserer Familie. Klein, aufgeplustert, aber vorlaut und frech gewöhnte er sich sehr schnell an uns und bereits nach kurzer Zeit gab er jedem unserer Familienmitgliedern einen Namen, den Namen „Hallo“.
Coco hieß er, kam aus Neu Guinea, und war ein Graupapagei, enorm lernfähig, und stets bestrebt, das zu tun, was wir nicht so toll fanden. Seinen überdimensional großen Käfig ignorierte er nach Möglichkeit, zerhäckselte lieber die Blendrahmen unserer Türen oder zog meterlange Fäden aus Gardinen oder Polstermöbeln, aber schließlich brauchte er ja irgendeine Art der Beschäftigung. Wir hatten uns für ihn entschieden, haben ihn in unsere Familie aufgenommen und mußten nun das Beste daraus machen.

Das Einnehmen von Mahlzeiten war für Coco stets das Größte, da es sich um unsere Mahlzeiten handelte, an denen er natürlich immer teilnahm. Tolpatschig und mit typischem Papageienblick stöckselte er stets auf die Nahrungsmittel zu, die eigentlich nicht für ihn bestimmt waren. Da Coco nicht „beschnitten“ war, nutzte er natürlich jede Möglichkeit, mit dem abzuheben und wegzufliegen, was er gerade vom Frühstücks- oder Mittagstisch erhascht hatte. Nur einen Moment aus den Augen gelassen, schwebte so meine Currywurst, natürlich im Ganzen und triefend vor Ketchup, vom Mittagstisch in Richtung Kletterbaum, wo er dann von ihr abließ. Diese fiel jedoch , oh welche Freude, nicht auf den Boden, sondern landete gezielt in unserer Couch, so daß ich sie ohne weiteres noch essen konnte. Die Ketchup-Flecken haben wir auch irgendwann wieder herausbekommen.

Es war ein schönes und vor allem unterhaltsames Leben mit unserem Coco, der im Laufe der Jahre immer mehr aufblühte, quasselte wie ein Wörterbuch und auch alle meiner zweihundert Klingeltöne des Telefones originalgetreu nachahmen konnte. So war mancher Anruf, den ich durch drücken der Hörertaste entgegennehmen wolllte, von ihm, von unserem Coco.

Der Umzug in ein eigenes, kleines Häuschen am Stadtrand, worauf wir uns so lange gefreut hatten, sollte jedoch nur von kurzer Freude sein. Bereits nach wenigen Monaten wurden wir auf Grund der Tinitus-Erkrankung eines Nachbarn offiziell aufgefordert, den Vogel nur noch im Haus zu halten, da die sehr lauten und schrillen Urwaldlaute, die unser Coco ständig von sich gab, den Nachbarn in den Wahnsinn treiben würde.

Die Gesundheit des Menschen geht vor, so stand es im amtlichen Schreiben, welches wir bekamen. Nun war guter Rat teuer, denn Coco hatte sich an das frei Leben auf der Terrasse und an den Garten gewöhnt und fing bereits nach kurzer „Einsperrzeit“ in der Wohnung an, sich das Gefieder auszurupfen.

Glücklicherweise war da meine Cousine Elke, die den Wintergarten ihres Hauses in ein Vogelhaus, genannt „Voliere“, umgebaut hatte und dort mehreren Ara’s, Graupapageien und Amazonen ein schönes Zuhause bot.

Schweren Herzens brachten wir unseren Coco dann zu ihr, stellten aber schon nach kurzer Zeit fest, das er sich scheinbar sehr wohl fühlte. Die Rupfsucht war vorbei und seine näckischen Aktivitäten kamen wieder hervor.

Recht schnell hatte er sich als Chef des Vogelhauses ernannt, war sehr dominant und verwies auch den deutlich größeren Ara in seine Schranken. Hier entwickelte Coco dann sein neues Hobby, das Bändigen der Riesenschlange.
Coco konnte es kaum erwarten, bis meine Cousine Elke die circa zwei Meter lange Python-Schlange aus ihrem Käfig holte, die sie dann über den Boden des Vogelhauses führte. Dann kam Coco im Sturzflug von seinem Hochsitz, stürzte sich auf den riffeligen Körper des Reptils und arbeitete sich mit kräftigen Hieben seines enorm starken Schnabels bis zum Kopf vor, den er dann erbarmungslos attackierte, bis meine Cousine die Schlange wieder in ihren Käfig brachte.
Nun, die Schlange überlebte die vielen Bisswunden, die Coco ihr, über den ganzen Körper verteilt, zugefügt hatte, nur kurze Zeit.
So fuhr Cousine Elke in regelmäßigen Abständen in den Elektroladen, wo sie den Bodenstaubsauger gekauft hatte und ersetzte den zerlöcheten Saugschlauch durch einen Neuen.

Bis heute hält Coco an seinem Hobby fest, die Python zu bändigen, nahezu täglich, er ist jetzt dreißig Jahre alt und es geht im sehr gut, als Chef im Vogelhaus.



© Jürgen Altenbernd
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